Mit ‘Altern’ getaggte Beiträge

Es gibt diesen einen feinen, fast unmerklichen Punkt im Leben, an dem sich etwas verschiebt. Lange Zeit bilden wir uns ein, wir könnten das Rad der Zeit einfach schwindelig drehen, wenn wir nur schnell und zielsicher genug laufen. Wir packen mit an, rocken Weihnachtsmärkte, Mittelaltermärkte, Veranstaltungen, trotzen der Kälte, halten Hitze aus, ziehen Nächte durch … Wir funktionieren. Und wenn jemand wie eine lieb gewordene Freundin an unserer Seite ist – verlässlich, da, wenn man sie braucht –, blendet man das Verstreichen der Jahre gerne aus. Grau meliertes Haar? Ein paar Falten mehr? Ach was, wir haben das doch bisher immer gerockt.

Doch dann kommt ein Pflasterstein wie Wacken.

Wacken ist keine Umgebung für nostalgische Romantik. Wacken ist pure Leistung, fünf Stände, 60 Leute auf der Kette, Dauerdruck, Staub und Taktung. Und genau dort, zwischen Salatköpfen, Kühlwagen und der knallharten Realität, bricht sich diese unliebsame Erkenntnis ihre Bahn: Die Kräfte schwinden. Ein Abgleiten, ein Schnitt in den Finger, verstreuter Salat auf dem Anhängerboden – Momente, die man früher vielleicht als Schusseligkeit abgetan hätte, werden plötzlich zu Stoppschildern. Es ist nicht mehr nur Unbeholfenheit oder ein Moment der Schwäche. Es ist der Körper, der leise, aber unmissverständlich sagt: Bis hierher und nicht weiter.

Jemanden, den man schätzt, sanft darauf hinzuweisen, dass es Zeit für den Ruhestand ist, gehört zu den schwersten Aufgaben überhaupt. Denn es bedeutet, einer bitteren Wahrheit ins Auge zu sehen, die wir alle am liebsten weit von uns wegschieben: Niemand von uns ist für immer jung. Die Jugend ist kein dauerhafter Zustand, und die eigene Leistungsfähigkeit hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum.

Wenn ich meine Freundin anschaue, sehe ich nicht nur eine Frau, die ihren wohlverdienten Ruhestand antreten sollte. Ich sehe darin auch einen Spiegel.

Denn seien wir ehrlich: Wer von uns spürt nicht selbst, dass die eigene Uhr tickt? Man macht weiter, weil man muss. Weil das Alter gesichert sein will, weil die Stände versorgt werden müssen, weil Mitarbeiter eine Perspektive brauchen, weil das Leben keine Pausentaste kennt. Wir verlangen von uns selbst Tag für Tag Funktionieren auf Höchstniveau – und verdrängen dabei, wie nah wir selbst an diesen Grenzen entlangstreifen.

Wacken war für sie der Weg der Erkenntnis. Doch für mich – und vielleicht für jeden von uns – war es ein Weckruf. Altwerden ist kein Versagen. Es ist schlicht der Lauf der Dinge. Die Kunst liegt darin, den Moment nicht zu verpassen, in dem man die Schürze an den Nagel hängen darf, bevor das Leben sie einem gewaltsam entreißt.